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Fachbuchautor Friedhelm Henke
Lehrer für Pflegeberufe
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05.09.2011  Pflegeausbildung

Schonende Hautpflege bei Diabetes mellitus

Ein Pflegeschwerpunkt beim hier dargestellten multiplen Krankheitsbild „Diabetes mellitus“ ist die Hautpflege. Aus Mikroverletzungen können infolge von Komplikationen sowie aufgrund einer unsorgfältigen Hautbeobachtung und Hautpflege schlecht heilende Wunden entstehen! Dank neuartiger elektronischer Stechhilfesysteme wird schon bei der Blutzuckerkontrolle besonders schonend mit Haut umgegangen.

Unterteilung
Unter Diabetes mellitus (griechisch: „honigsüßer Durchfluss“) wird eine Gruppe von Stoffwechselkrankheiten mit Hyperglykämie (Überzuckerung des Blutes) verstanden. Beim Diabetes Typ 1 zerstört das körpereigene Immunsystem im Rahmen einer Entzündungsreaktion die insulinproduzierenden Betazellen im Pankreas. Es handelt sich also um einen absoluten Insulinmangel, vor allem bei jungen Diabetikern. In der Anfangsphase der Erkrankung ist jedoch eine Insulinrestproduktion möglich. Unterteilt wird der Typ 1 weiter in:
Typ 1 a = immunvermittelt (Autoimmunkrankheit)
Typ 1 b = ideopathisch (ohne klar erkennbare Ursache).
Beim Diabetes Typ 2 liegt ein relativer Insulinmangel vor. Ursache sind Sekretions-störungen des Pankreas und verschiedene Kombinationen von Insulinresistenzen (Unwirksamkeiten des Insulins). Andere spezifische Diabetes Typen (A-H) mit verschiedenen pathologischen Ursachen (wie z.B. Infektionen und genetische Defekte). Der Gestationsdiabetes ist der Schwangerschaftsdiabetes aufgrund von hormonellen Störungen. Die Begriffe „Jugend- und Alters-Diabetes“ werden nicht mehr verwendet, da sowohl junge als auch alte Menschen Typ I und II bekommen können.

Was fehlendes Insulin bewirkt
Die Glukoseaufnahme in die Zellen funktioniert nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip, wobei das Insulin als Schlüssel fungiert. Wenn Insulin fehlt, kann der Energiestoff „Glukose“ nicht in die Zellen aufgenommen werden und häuft sich im Blut an. In der Leber wird ungebremst Glykogen (die Speicherform von Glukose) gebildet, da Insulin die Aufgabe hätte, die Bildung in der Leber zu hemmen. Da der Energiestoff „Glukose“ zwar im Blut ist, aber nicht in die Zellen eingeschleust werden kann, muss der Körper zur Energiegewinnung auf Fett zurückreifen. Das Körperfett kann nicht mehr in seinen Depots gehalten werden und „schmilzt“ rasant ein. Es kommt zur Überschwemmung des Blutes mit freien Fettsäuren, diese werden nicht komplett zur Energiegewinnung verbrannt, sondern zu Ketonkörper (Aceton, Acetessigsäure, Betahydroxybutter-säure) abgebaut. Diese Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes) beeinflusst sämtliche Stoffwechselvorgänge negativ.
- Nach Überschreiten der Nierenschwelle, das heißt, nachdem der Blutzuckerspiegel größer als 180 mg/dl (Milligramm pro Deziliter Blut) beträgt, scheidet die Niere mit dem Harn auch Glukose (Zucker) aus. Eine Polydypsie (vermehrter Durst) führt dann zur Polyurie, also eine tägliche Ausscheidung von über 2 Liter Urin und mehr.

Erkennungszeichen und Komplikationen
  • Hyperglykämie (Überzuckerung des Blutes)
  • Durst, Müdigkeit, Antriebsarmut, Kraftlosigkeit
  • welke ausgetrockente Haut und Schleimhaut (vermehrte Fältchenbildung)
  • Schlecht heilende Wunden, Entzündungen der Haut
  • Sehstörungen (als Spätkomplikation)
  • erhöhter HbA1c-Wert (als Langzeit-Blutzuckerwert, mit dem der Blutzuckerspiegel der letzten 6-10 Wochen ermittelt werden kann. Es handelt sich um einen Anteil des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin), der mit Glukose verbunden ist. Er wird in % angegeben. Je mehr Glukose im Blut ist, desto höher verzuckert sich der Blutfarbstoff. Dabei entsteht ein Zwischenprodukt, das erst nach einigen Stunden in ein irreversibles Endprodukt umgewandelt wird. Darum können kurzfristige Blutzuckerspitzen nicht erfasst werden. Der Normalwert liegt bei 4 bis 6%.
  • Auch das C-Peptid (Maß für die Insulinproduktion) kann erhöht sein.
  • Harnzucker kommt wie beschrieben ab dem Nierenschwellenwert von 180 mg/dl vor.
  • Zeichen bei niedrigem Blutzucker (Hypoglykämie) sind: pelziger Mund, Blässe, Schweißausbruch, kalter Schweiß, Kribbeln, Zittern, Nervosität. Es besteht die Gefahr von Bewusstseinseinschränkungen (bis hin zum Koma mit irreversiblen Hirnschäden und Todeseintritt). Ursachen sind Unterzuckerung (Blutzuckerwerte unter ca. 80 mg/dl.) sowie Überzuckerung (Blutzuckerwerte über ca. 300 mg/dl). Die beste Maßnahme ist daher die Blutzuckerkontrolle, da die Symptomatik nicht immer klar verrät, ob eine Hypo- oder eine Hyperglykämie vorliegt.


Behandlung
Beim Diabetes mellitus Typ 1 muss das fehlende Hormon (Insulin) künstlich in Form von Insulinpräparaten zugeführt werden (Insulintherapie): Basisinsulin (schnell-wirksam), Langzeit- oder Depotinsulin (langanhaltende Wirkung) oder in der Regel Mischinsuline. Applikation erfolgt subkutan mittels Kanüle und Spritze oder Injektionspumpe. Beim Diabetes mellitus Typ 2 kann mittels Gewichtsreduktion und Bewegung der BZ-Wert gesenkt werden, denn durch Bewegung gewinnen die Körperzellen ihre Insulinaufnahmefähigkeit zurück (der Anteil der außen liegenden Rezeptoren je Zelle kann durch Bewegungstraining und Gewichtsabnahme erhöht werden, so dass das Insulin besser wirken kann). Eine medikamentöse Therapie ist erst nach Ausschöpfung der Gewichtsreduktionstherapie angezeigt. Je besser es gelingt, die BZ-Werte zu normalisieren (vor einer Mahlzeit unter 120 ml/dl und nach einer Mahlzeit unter 180 mg/dl), desto geringer ist die Gefahr der Komplikationen.

Hautpflege und weitere Maßnahmen
  • Ausgewogene gesunde Ernährung unterstützen (viel Flüssigkeit und kalorien
    bewusste Kost anbieten). Eine Diabetikerschulung dient der Wissensermittlung sowie der Motivation hinsichtlich einer erforderlichen Ernährungsumstellung.
  • Blutzuckerkontrollen unterstützen, Vitalzeichenkontrollen durchführen (Puls, Blutdruck, Atmung, Körpertemperatur, Bewusstsein)
  • Fußnagelpflege führen ausschließlich medizinische Fußpfleger/innen (Podologen/-innen) durch
  • Gute Mund- und Zahnpflege (Diabetiker neigen zu Munderkrankungen wie Soor und Parotitis, Rhagaden, Gingivitis u.a.)
  • Fachlicher Umgang mit Sehbehinderungen
  • Auf Sensibilitätsstörungen (besonders der Beine und Füße) achten, da Schmerzen, Brennen, Hitze, Kälte und Druck aufgrund der Polyneuropathie kaum bemerkt werden.
  • Hautpflege: Aufgrund der Durchblutungsstörungen kommt es beim Diabetes mellitus zu Wundheilungsstörungen (z.B. schlecht heilenden Decubitalulcera sowie zum Ulcus cruris venosum). Darum ist eine gründliche Hautinspektion unerlässlich, um Rhagaden (feine Einrisse der Haut und Schleimhäute), Rötungen, Schwellungen und andere Hautveränderungen frühzeitig erkennen und (nach Rücksprache mit dem Arzt/Hautarzt) behandeln zu können. Um Hautläsionen zu vermeiden, die durch juckreizbedingtes Kratzen entstehen können, wird die Haut mit alkoholfreien, wasserarmen, fetthaltigen Emulsionen auf der Basis Wasser-in-Öl (W/O) eingerieben. Geeignete Hautpflegeprodukte, die die Haut von außen gegen Austrocknung schützen, enthalten feuchtig-keitsbindende Inhaltsstoffe wie zum Beispiel Harnstoff (Urea). Es soll jedoch nicht zu viel eingecremt werden (weniger ist oft mehr), da sich sonst feuchte Kammern mit der Folge von Mazeration (Aufweichung) und Intertrigo (Wundsein) bilden können.
    Das in vielen Cremen enthaltene Kollagen zur kosmetischen Glättung von Falten dringt niemals bis in die Haut ein, sondern bleibt als Film auf der Haut. Auch Vitamine und Liposome kommen, von außen auf die Haut geschmiert, nicht in den tiefen Schichten der Haut an. Zur Verbesserung und Förderung des Stoffwechsels der Haut ist also vielmehr ein Hautpflege von innen geeignet. Eine Flasche Wasser, die nicht über die Haut gegossen, sondern getrunken wird, strafft die Haut und sorgt für eine gute Durchblutung. Beim Waschen, Duschen und Baden ist zu beachten, dass die Haut nicht zu lange im Wasser aufweicht. Die Mazeration zerstört den Säureschutzmantel der Haut, der vor Infektionen schützt. Besondere Vorsicht ist angesichts von Sensibilitäts-störungen auch bei der Wassertemperierung geboten. Nach dem Waschen ist die Haut gründlich abzutrocknen.
    Überall dort, wo Haut auf Haut liegt (z.B. in den Leisten, Bauchfalten und Zehenzwischenräumen) ist eine gründliche Intertrigoprophylaxe (z.B. mit einer trocknenden Vlieskompresse) durchzuführen.


Hautfreundliche Stechhilfe
Die beim Diabetes mellitus erforderlichen häufigen Blutzuckerkontrollen verlangen eine besondere Hautpflege. Spitze Lanzetten, die mit einem mechanischen Federantrieb in die Haut gestochen werden, dringen oft zu tief in die Haut ein und reizen die Nervenenden. Das kann zu Entzündungen und zu schlecht heilenden Wundkanälen führen. Es kommt zur Bildung von Hämatomen und Hornhaut, die wiederum die Tastsensibilität z.B. an den Fingerkuppen reduzieren. Bei neuen leichter zu bedienenden elektronischen Stechhilfen wird auf den mechanischen Federantrieb verzichtet. Stattdessen wird die Lanzette über einen Motor und einen Hautsensor vibrationsfrei und punktgenau auf eine von vielen wählbaren Einstichtiefen nur bis zu den direkt unter der obersten Hautschicht liegenden Blutgefäßen eingeführt. Der Einstich ist schmerzlos und kaum noch zu spüren. Der spontane Bluttropfen genügt zur Messung. Der Bluttropfen braucht nicht aus der Einstichstelle gequetscht werden. Dabei könnte sonst infolge einer Zunahme der Gewebsflüssigkeit der Blutzuckerwert verfälscht werden.


Friedhelm Henke
Michaelisweg 7
59609 Anröchte-Berge
E-Mail: Friedhelm.Henke@gmx.de
Internet: www.menschenpflege.de